Leidenschaft vs. Gelassenheit

November 6th, 2010

Ich lerne gerade ganz viel über weibliche Führungskräfte mit Kindern, weil sie Thema meiner Magisterarbeit sein werden. In diesem Zusammenhang habe ich mir angefangen über den scheinbaren Widerspruch von Leidenschaft und Gelassenheit nachzudenken. Beides eigentlich gute Eigenschaften, die ein Leben auf ganz unterschiedliche Weise bereichern können. Ich finde Personen, die leidenschaftlich für etwas leben, total anziehend. Das passiert, wenn sie ein konkretes Ziel haben, das sie verfolgen und bereit sind, einen Preis zu zahlen und Unwägbarkeiten zu überwinden. ABER zuviel Leidenschaft kann auch dazu führen, dass man sich verrennt oder vereinsamt, weil keiner die Leidenschaft teilt. Am Anfang dachte ich, dass Gelassenheit zum Rückgang von Leidenschaft führen würde. Für mich hat Gelassenheit viel damit zu tun, Umstände so zu nehmen wie sie sind, mich auf etwas einzustellen und nicht dagegen anzukämpfen. Klingt wie das genaue Gegenteil von Leidenschaft und ich dachte, Gelassenheit würde uns vielleicht davon abhalten, leidenschaftlich für etwas einzustehen, weil es scheinbar soviel einfacher ist, die Dinge so zu lassen wie sie sind.

Wenn ich dann aber über den Alltag von den am Anfang erwähnten weiblichen Führungskräften lese und auch mein eigenes Leben anschaue, dann stimmt das überhaupt nicht. Wenn sie keine Leidenschaft hätten sowohl für ihre Arbeit als auch für ihr Muttersein, wären sie alle nicht so weit gekommen. Die Rahmenbedingungen machen es für viele Frauen unglaublich stressig, diese beiden Rollen zu leben, so dass es nahe liegt, entweder im Job kürzer zu treten oder kein Kind zu bekommen. Diese Frauen scheinen aber genug Leidenschaft für beide Bereiche zu haben, um den schwierigen Spagat über einen langen Zeitraum durchzuhalten. Gleichzeitig berichten sie, dass sie enorm an Gelassenheit und Pragmatismus dazu gewonnen haben. Nur diese Eigenschaften führen dazu, einen solch stressigen Alltag bewältigen zu können.

Inzwischen glaube ich, dass beides (Leidenschaft und Gelassenheit) ganz wichtige Seiten einer Medaille sind: Unser Leben bekommt Bedeutung, wenn wir uns leidenschaftlich für etwas einsetzen. Gleichzeitig bedeutet es eine unglaubliche Erfüllung, wenn wir genau das ausleben können, was uns wichtig ist und unserer Persönlichkeit entspricht. Aber immer, wenn wir für etwas kämpfen und einstehen, gibt es auch Widerstände und Schwierigkeiten. Und gerade in den Situationen, in denen wir uns diesen Widerständen stellen und uns mit ihnen auseinandersetzen müssen, hilft Gelassenheit enorm, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden: Weil mir mein Abschluss und meine berufliche Zukunft wichtig sind, gehe ich mit Mittelohrentzündung in eine Vorlesung oder ziehe das Seminar trotz Magen-Darm-Grippe durch. Deshalb ist es mir inzwischen aber auch immer unwichtiger, die interessanten Filme im Kino zu sehen oder alle meine Freunde mind. einmal in der Woche zu sehen. Das ist einfach nicht möglich, wenn ich neben dem großziehen eines Kindes noch etwas anderes mache will. Meine Prioritäten klären sich schnell mit klaren Zielen, die ich leidenschaftlich verfolgen will. Von solchen Zielen kann ich auch nicht 25 gleichzeitig verfolgen. Das geht vielleicht mit zwei oder drei. Und dem großen Rest des Alltags tut Routine, Gelassenheit und ein bisschen Kreativität gut, so dass man Energie für die nächste Runde „leidenschaftlichen Kämpfens“ tanken kann.

Die Fragen sind also: Was ist Deine Leidenschaft? Wofür setzt Du Dich mit Haut und Haaren ein? Und welche Schwierigkeiten bringt das mit sich? Wie könnte Dir Gelassenheit in solchen Situationen weiterhelfen?


2 Responses to “Leidenschaft vs. Gelassenheit”

  1. Sophia on November 6, 2010 16:29

    Ich kämpfe leidenschaftlich für mehr Gelassenheit :-)
    Meiner Meinung nach hat Gelassenheit viel mit Geduld zu tun und da hapert’s noch. Wenn ich da doch bloß gelassener ran gehen könnte :-)

  2. Kerstin Hack on November 13, 2010 21:37

    Sehr schöne Gedanken, Debbie.

    Leidenschaft hat auch etwas mit langem Atem zu tun. Es geht einem schnell die Puste aus, wenn man denkt, man könnte Dinge superschnell erreichen.
    Mir hilft der Satz: “Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können und unterschätzen, was sie in sieben Jahren erreichen können.”
    Leidenschaftlich für etwas arbeiten, sich einsetzen…aber wissen, dass es meist etwas oder viel länger dauert als man hofft, aber man am Ende doch ans Ziel kommen wird – darin wurzelt dann die Gelassenheit.

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