Die Schönheit der ersten Schritte

IMG_4013 (1)Vergangenen Januar sagte ich in kleiner Runde: „Dies wird mein Jahr des Sports.“ Dafür gab es unterschiedliche Gründe: Mein Rücken, der mir jeden Morgen laut und deutlich mitteilte, dass er bitte bewegt und ausgestreckt werden möchte, der restliche Körper, der sich sehnlichst regelmäßige und langsam zunehmende Belastung herbeisehnte, meine Nerven, die schlicht und ergreifend Entspannung brauchten. Ich probierte verschiedenes aus und hatte, auch weil ich etwas mehr Freiraum als sonst hatte, im April einen richtig guten Rhythmus gefunden, bei dem ich alle zwei Tage Sport machte und dabei Jogging und Fitnessstudio abwechselte. Ich fühlte mich gut und sehr energiegeladen und sehr viel ausgeglichener als vorher.

Im Juni fing ich dann an zu arbeiten und mein Papa starb ganz kurz darauf. In den ersten Tagen spürte ich die Trauer körperlich auf der Brust: ich hatte das Gefühl einen riesigen auf den Boden liegenden Fallschirm hinter mir herzuziehen. Als ich es trotzdem mit joggen versuchte, gab ich schon nach wenigen Schritten auf. Da war nichts zu holen. Ich bin einfach nur spazieren gegangen.

Seit diesem Einbruch habe ich verschiedene Versuche unternommen, wieder in den alten Rhythmus zu finden, aber über eine Sporteinheit in der Woche kam ich nicht hinaus. Nun waren wir die beiden letzten Wochen im Urlaub und die Zeit davor war: noch knapper, noch voller, noch anstrengender, ich kam noch weniger zum Sport. Im Urlaub habe ich es auch nicht geschafft.

Zu gleichen Teilen gefrustet als auch motiviert bin ich am vergangenen Freitag nun aus dem Urlaub zurückgekommen, angefüllt mit der festen Absicht, dieses Thema nun so schnell wie möglich in den Griff zu bekommen. Nur um dann am Samstagvormittag mit heftigen Regelschmerzen aufzuwachen. Und dann habe ich gedacht: Es ist jetzt einfach scheiß egal! Ich gehe das JETZT an. Ich ziehe meine Klamotten an und gehe los. Und wenn ich die Runde nur auf allen vieren schaffe. ICH WILL DAS JETZT ANGEHEN!

Ich bin immer abwechselnd gejoggt und gelaufen und habe es so sehr genossen, an der frischen Luft zu sein, mich zu bewegen, Natur aufzunehmen und v.a. auch alleine zu sein. Ein erster Schritt.

Ich erinnere mich daran, wie ich meine erste Runde nach dem Kaiserschnitt meines Sohnes gedreht habe. Die Schwestern im Krankenhaus hatten gesagt: „Nehmen Sie Schmerztabletten und laufen Sie so viel wie möglich, damit sie fit für Ihr Kind werden.“ Das fand ich eine tolle Motivation. Wir sind nach vier Tagen aus dem Krankenhaus gekommen, ich habe den kleinen Mann beim Papa gelassen und bin in meinem grauen Schwangeren-Trainingsanzug mit hängenden Bauch zu meiner ersten Runde losgezogen. Ich war langsam wie eine Schnecke, zwischendrin habe ich Pause an einer Bank gemacht, die Brüste schmerzten noch vom Milcheinschuss, den Bauch musste ich immer wieder mit meinen Händen stützen, ich sah bestimmt sehr albern aus. Ganz egal. Ich war dabei, für mein Kind fit zu werden.

Diese (Neu-)Starts fühlen sich selten schick oder cool an. Sie sind unangenehm, anstrengend, kosten Überwindung, sehen vielleicht auch ein bißchen seltsam aus. Aber wenn wir es durchziehen und den ersten Schritt auf ein gutes wichtiges Ziel zugehen ist es immer ein Grund zu feiern.

Sie sind häufig schwer zu gehen, weil sie Mut kosten. Wir sagen den zweifelnden Stimmen in uns: Nein, es wird nicht immer so bleiben wie es ist. Ich und mein Tun werden sich verändern. Erste Schritte enthalten eine große Portion Hoffnung: Ich und mein Tun können sich verändern. Es gibt eine Chance, mein Ziel zu erreichen. Und sie spiegeln die erste Schönheit der großen Ziele wieder: Ich weiß, wieviel wohler ich mich mit regelmäßigem Sport fühle, dass in regelmäßiger Bewegung Kraft, Entspannung, Erholung und Energie freigesetzt werden. Kleine Teile davon konnte ich auch schon gestern spühren und hatte den ganzen Tag richtig gute Laune als Belohnung. Ja, es sind erste kleine Schritte auf einem längeren Weg, aber sie sind oft die entscheidenden, um in die richtige Richtung loszulaufen und irgendwann anzukommen.