Nicht Zählen – sondern Zuhören

Not counting – but listening (for an english version: scroll to the bottom)

Vor gut einem Jahr hatte ich gerade einen Film über Frauen und ihr Körperbild gesehen, ich habe mich wieder einmal über die Gewichts-Reduktions-Industrie geärgert und meine Tochter hat bei meinem Gang auf die Waage gefragt: “Mama, wieso machst Du das?” Ganz ehrlich: Warum eigentlich?

Als dann die Waage halb kaputt war und nur noch mit zahlreichen Klicks vor jedem Wiegen funktionierte, hatte ich einen Anlass und habe entschieden: Ich brauch das Ding nicht mehr und habe es kurzerhand entsorgt. Den einen Abend im Frühjahr BRAUCHTE ich dann doch plötzlich eine Waage, um das Gewicht eines Koffers zu kontrollieren. Ich bin kurzerhand zu den Schwiegereltern ein Stockwerk hoch gelaufen.

Mir ist vor kurzem bewusst geworden, dass mit dem Entsorgen der Waage ein wesentlicher Stresspunkt in meinem Leben einfach weggefallen ist. Davor bin ich sehr wohl vor fast jedem Duschen und möglichst nach dem Toilettengang und mit wenig Essen im Bauch direkt am Morgen auf die Waage gegangen und hatte dann unter der Dusche viel Zeit zum Nachdenken über die Zahl, die das Gerät ausgespuckt hatte. Woran mag es gelegen haben, dass sie sich seit dem letzten Mal nach oben bewegt hat? Waren es die Nudeln gestern Abend um acht Uhr? Oder das Eis mit Sahne vor zwei Tagen? Und wenn es trotz ausführlicher Abendessen mit Freunden und dem dazugehörigen super leckeren Wein trotzdem nach unten gegangen ist, hab ich mir nur noch den Kopf gekratzt und mich gewundert: Wie kann das jetzt sein?

Es ist wirklich erstaunlich, wieviel Macht wir den Zahlen über uns geben. Es ist keine pure Analyse eines Ist-Zustandes, sondern mit jeder Menge Emotion verbunden. Was sagen die Zahlen am Ende eigentlich über mich aus? Nichts. Gar nichts. Da das Gewicht noch nicht einmal Auskunft über die Zusammensetzung des Körpers, also Wasser, Muskeln, Fett, etc. gibt, kann man aus der Zahl alleine nicht schließen, ob ich schlank oder träge oder schwerkrank bin.

Tägliches Wiegen ist genauso, als wenn wir uns jeden Abend mit dem Partner hinsetzen und bewerten, wie er sich an diesem Tag verhalten hat. War er brav gibt es ein Lob, war er aufmüpfig, schimpfen wir kräftig mit ihm. Kann man so machen. Besonders glücklich und erfüllt wird diese Beziehung wahrscheinlich nicht sein.

Der einfachste Weg, den bescheuerten sinnlosen Zahlen nicht mehr die Möglichkeit zu geben, über meinen Wert zu bestimmen, war für mich also die Waage zu entsorgen. Sie war schlicht überflüssig und hatte nichts zu einem erfüllten Leben beizutragen.

Gleichzeitig war dieser Schritt ein Akt des Widerstands für mich gegen ganze Industriezweige, die damit Geld verdienen, mir einzureden, dass mein Körper nicht in Ordnung ist und verändert werden muss. Nein, ich bin nicht bereit, Euren Lügen zu glauben! Allerdings war mir diese Form des Widerstands dann auch zu passiv. Neben dem Nicht-mehr-Wiegen melde ich inzwischen jede Werbung, die mir auf facebook oder Instagram gezeigt wird mit der Botschaft “So nimmst Du endlich ab” oder “In kurzer Zeit zum Traumkörper” postwendend als beleidigend. Ich muss nicht abnehmen. Wir kommt ihr Schweinebacken dazu, uns Frauen ständig einzureden, dass es das Normalste der Welt ist, mit dem eignen Körper unzufrieden zu sein? Am Anfang hat es sich total komisch angefühlt, inzwischen genieße ich es. Jedes Mal sage ich damit nein zu einer Lüge, die mir entgegen geschleudert wird und ja zu meinem eigenen Körper und dem wie er eben gerade ist.

Die nicht mehr vorhandene Waage hat auch noch einen anderen Prozess unterstützt, nämlich genauer auf meinen Körper zu hören. Es ist ja wirklich erstaunlich, was er alles zu erzählen hat, wenn ich nicht ständig dabei bin, ihn aufgrund von Zahlen zu bewerten und zu kritisieren. Nach meiner Erfahrung braucht es ein bißchen Übung und Ausprobieren, um zu spüren oder zu hören, was denn grundsätzlich gut tut.

Mir selbst fällt das “Zuhören” gerade in stressigen Zeiten schwer, weil dann so vieles anderes durch die Gedanken rauscht. Aber wenn ich mir ein paar Minuten Zeit nehme und mich auf mich selbst konzentriere, dann werden die Bedürfnisse meist sehr deutlich:

  • Ich habe Durst und brauche mehr Wasser.
  • Ich bin vom langen Sitzen steif und muss gestreckt werden.
  • Ich hab Sehnsucht nach Wald und Bewegung.
  • Du hattest so viele anstrengende Gedanken, es wäre super, wenn Du Dich mal austobst oder richtig doll lachst.
  • Vielleicht könntest ein bißchen Kuscheln mit Deinen Kindern und an ihnen schnuppern, auch das entspannt mich.
  • Nee, nicht schon wieder Denken und Sorgen machen, Yoga und atmen wären jetzt eine bessere Alternative.
  • Du hast in den letzten Wochen einiges an Brot und Süßigkeiten gegessen, ich brauche jetzt Vitamine, jede Menge Vitamine.
  • Sonne und Wärme und Stürme und Regen mag ich gerne spüren. Am liebsten in Kombination mit Lachen und Sprechen und langen Spaziergängen.

Ich wünsche mir so sehr, dass es mir auch gerade in den stressigen, vollen Zeiten gelingt, gut auf meinen Körper zu hören und ihn liebevoll zu versorgen.

Und vor allem wünsche ich mir, meiner Tochter ein Vorbild in Sachen Körperliebe zu sein. Möge sie mit großer Selbstverständlichkeit ihren Körper als lebenslanges zu Hause und guten Freund kennenlernen, ihn gut versorgen und sich pudelwohl mit ihm fühlen.

About a year ago I had just seen a film about women and their body image, I was once again angry about the weight reduction industry and my daughter had asked on my walk on the scales: “Mama, why are you doing this?” Honestly: Why actually?

When the scale was half broken and only worked with numerous clicks before each weighing, I had a reason and decided: I don’t need the thing any more and disposed of it without further ado. One evening in the spring I suddenly needed a scale to check the weight of a suitcase. Without further ado I ran up one floor to my parents-in-law.

Recently I became aware that with the disposal of the scales an essential stress point in my life has simply disappeared. Before that, I did go straight to the scales in the morning, before almost every shower and if possible after going to the toilet and with little food in my stomach, and then had a lot of time under the shower to think about the number the device had spat out. What might have been the reason for her moving upwards since the last time? Was it the noodles last night at eight o’clock? Or the ice cream with cream two days ago? And if it nevertheless went down despite extensive dinner with friends and the super delicious wine, I just scratched my head and wondered: How can that be now?

It’s really amazing how much power we give to the numbers about us. It’s not a pure analysis of an actual state, it’s connected with a lot of emotion. What do the numbers in the end actually say about me? Nothing. Nothing at all. Since the weight does not even give information about the composition of the body, i.e. water, muscles, fat, etc., one cannot conclude from the number alone whether I am slim or lazy or seriously ill.

Daily weighing is the same as sitting down every evening with your spouse and evaluating how he or she behaved that day. If he was good, there is praise, if he was rebellious, we scold him strongly. You can do that. This relationship will probably not be particularly happy and fulfilled.

The easiest way to stop giving the stupid senseless numbers the opportunity to determine my value was for me to dispose of the scales. It was simply superfluous and had nothing to contribute to a fulfilled life.

At the same time this step was an act of resistance for me against whole branches of industry, which earn money by persuading me that my body is not in order and has to be changed. No, I am not ready to believe your lies! However, this form of resistance was too passive for me. Beside the not-more-weighing I announce meanwhile each advertisement, which is shown to me on facebook or Instagram with the message “So you finally take off” or “In short time to the dream body” immediately as insulting. I don’t have to lose weight. How do you get your pork cheeks to constantly tell us women that it is the most normal thing in the world to be dissatisfied with your own body? In the beginning it felt totally strange, but now I enjoy it. Every time I say no to a lie that is thrown towards me and yes to my own body and that which it is just now.

The balance that no longer exists has also supported another process, namely to listen more closely to my body. It is really amazing what he has to tell, if I am not constantly evaluating and criticizing him on the basis of numbers. In my experience it takes a bit of practice and trial and error to feel or hear what is fundamentally good.

I find it difficult to “listen” to myself, especially in stressful times, because then so much else rushes through my thoughts. But when I take a few minutes and concentrate on myself, the needs usually become very clear:

  • I am thirsty and need more water.
  • I am stiff from sitting for a long time and have to be stretched.
  • I have a longing for woods and exercise.
  • You had so many exhausting thoughts, it would be great if you let off steam or laugh really hard.
  • Maybe you could snuggle up a bit with your children and sniff them, that relaxes me too.
  • No, not thinking and worrying again, yoga and breathing would be a better alternative now.
  • You have eaten a lot of bread and sweets in the last few weeks, I now need vitamins, lots of vitamins.
  • I like to feel sun and warmth and storms and rain. Preferably in combination with laughing and talking and long walks.

I wish myself so much that even in stressful, full times I succeed in listening well to my body and caring for it lovingly.

And above all I wish to be a shining example for my daughter in matters of body love. May she get to know her body as a lifelong home and good friend, take good care of it and feel very comfortable with it.

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